SIA 2051 — Building Information Modelling (BIM) in der Schweiz
SIA 2051 — Building Information Modelling (BIM) in der Schweiz
SIA 2051 — Building Information Modelling (BIM) in der Schweiz
Die Norm SIA 2051 definiert die methodischen Grundlagen für Building Information Modelling (BIM) im schweizerischen Bauwesen. Sie wurde 2017 vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) verabschiedet und bildet den verbindlichen Rahmen für die digitale Planung, Errichtung und den Betrieb von Bauwerken in der Schweiz.
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SIA 2051 — Steckbrief |
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Norm |
SIA 2051 |
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Herausgeber |
Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (SIA) |
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Erscheinungsjahr |
2017 |
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Bereich |
Bauen und Planen |
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Thema |
Building Information Modelling (BIM) |
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Status |
Gültig (Stand 2025) |
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Sprachen |
Deutsch, Französisch, Italienisch |
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Geltungsbereich |
Schweiz |
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Verwandte Normen |
ISO 19650, SN EN ISO 16739 (IFC) |
1. Hintergrund und Entstehung
Building Information Modelling (BIM) ist eine digitale Arbeitsmethode, bei der sämtliche relevanten Bau- und Planungsinformationen in einem gemeinsamen, strukturierten Datenmodell verwaltet werden. Im Gegensatz zu traditionellen 2D-Planungsmethoden ermöglicht BIM die konsistente Verwaltung geometrischer, alphanumerischer und zeitlicher Informationen über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks.
Die Entwicklung der SIA 2051 geht auf die wachsende internationale Verbreitung von BIM-Standards zurück, insbesondere auf die britische PAS 1192-Normenreihe und die später daraus hervorgegangene ISO 19650. Der SIA erkannte früh die Notwendigkeit, diese internationalen Entwicklungen auf das schweizerische Planungs- und Baurecht abzustimmen.
1.1 Internationale Einbettung
Die SIA 2051 orientiert sich an folgenden internationalen Referenznormen:
• ISO 19650-1/2 (Organisation von Informationen im Bauwesen)
• ISO 16739 / IFC-Standard (Industry Foundation Classes)
• buildingSMART International — Open BIM Standards
• DIN EN ISO 29481 (BIM Information Delivery Manual)
1.2 Entwicklungsprozess
Der Erarbeitungsprozess der Norm umfasste mehrere Phasen:
• 2014–2015: Bestandsaufnahme internationaler BIM-Standards und Analyse des schweizerischen Bedarfs
• 2015–2016: Erarbeitung durch die SIA-Kommission 2051 unter Einbezug von Experten aus Planung, Bauausführung, Betrieb und Bildung
• 2016: Öffentliche Vernehmlassung und Überarbeitung
• 2017: Verabschiedung und Publikation der Norm
• Ab 2018: Schrittweise Aufnahme in Ausschreibungen öffentlicher Bauten
2. Inhalt und Struktur der Norm SIA 2051
Die SIA 2051 gliedert sich in drei Hauptteile: Grundlagen, Anforderungen und Anwendung. Sie ist bewusst methodenneutral gehalten und schreibt keine spezifische Software vor.
2.1 Grundbegriffe und Definitionen
Die Norm führt ein einheitliches Glossar ein, das für alle Projektbeteiligten verbindlich ist. Zentrale Begriffe sind:
• BIM-Modell: Digitales Abbild eines Bauwerks mit geometrischen und semantischen Informationen
• Informationsanforderungen: Spezifizierung, welche Daten zu welchem Zeitpunkt vorliegen müssen
• Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA): Dokument des Bauherrn mit BIM-Zielen und Datenanforderungen
• BIM-Abwicklungsplan (BAP): Planungsdokument des Auftragnehmers zur Umsetzung der AIA
• Gemeinsame Datenumgebung (GDE / CDE): Zentrale digitale Plattform für den Datenaustausch
• Informationscontainer: Strukturiertes Dateipaket (z. B. IFC-Datei, PDF, Excel)
2.2 BIM-Anwendungsfälle
Die SIA 2051 definiert 25 standardisierte BIM-Anwendungsfälle (Use Cases), die projektspezifisch ausgewählt werden können:
• Bestandserfassung und Dokumentation
• Planungskoordination und Kollisionsprüfung (Clash Detection)
• Kostenschätzung auf Basis des Modells (5D-BIM)
• Terminplanung und Bauphasenplanung (4D-BIM)
• Energiesimulation und Nachhaltigkeitsanalyse
• Ausführungsplanung und Werkstattzeichnungen
• Facility Management und Betrieb (7D-BIM)
• Digitaler Zwilling (Digital Twin)
2.3 BIM-Reifegrade (BIM-Levels)
Die Norm unterscheidet verschiedene Reifegrade der BIM-Implementierung:
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Rolle |
Aufgaben |
Typische Trägerschaft |
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BIM-Gesamtkoordinator |
Strategische BIM-Verantwortung, Qualitätssicherung |
Auftraggeber oder GU |
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BIM-Koordinator |
Operative Koordination der Fachmodelle |
Generalplaner / BIM-Manager |
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BIM-Autor |
Erstellung von Fachmodellen |
Architekt, Fachplaner |
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BIM-Prüfer |
Modellprüfung, Clash Detection |
Unabhängiger Prüfer |
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FM-Manager |
Betrieb und Datenpflege |
Facility Manager |
2.4 Phasenmodell — BIM entlang der SIA-Projektphasen
Die SIA 2051 ist auf das bewährte SIA-Phasenmodell (gemäss SIA 102/103/108) abgestimmt. Für jede Phase sind spezifische BIM-Leistungen und Informationsanforderungen definiert:
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SIA-Phase |
BIM-Anwendung |
Typische Daten |
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Phase 1 – Strategische Planung |
Bedarfsmodell, Raumprogramm |
Grundstücksdaten, GIS |
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Phase 2 – Vorstudien |
Konzept- und Variantenmodell |
Grob-Geometrie, Zonierung |
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Phase 3 – Projektierung |
Koordinationsmodell |
Fachmodelle, Kollisionsprüfung |
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Phase 4 – Ausschreibung |
Ausschreibungsmodell |
Mengenauszüge, LV-Kopplung |
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Phase 5 – Realisierung |
Ausführungsmodell |
As-built-Dokumentation |
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Phase 6 – Bewirtschaftung |
Betriebsmodell (FM-BIM) |
CAFM, Wartungsdaten |
3. Rollen und Verantwortlichkeiten
Die SIA 2051 führt klare Rollendefinitionen ein, die von denjenigen der klassischen Projektorganisation abweichen können. Diese Rollen können durch dieselbe Person oder durch unterschiedliche Akteure besetzt werden.
3.1 Auftraggeber-Seite
• BIM-Auftraggeber (Bauherr): Formuliert AIA, trägt die strategische Verantwortung
• BIM-Gesamtkoordinator: Sichert die übergeordnete Konsistenz der Modelldaten
3.2 Auftragnehmer-Seite
• BIM-Koordinator: Koordiniert die Fachmodelle aller Planer
• BIM-Autoren (Fachplaner): Erstellen die disziplinspezifischen Fachmodelle
• BIM-Prüfer: Führt unabhängige Qualitätsprüfungen durch
3.3 Betrieb
• FM-Manager / CAFM-Spezialist: Pflegt und nutzt das Betriebsmodell im Facility Management
4. Technische Anforderungen und Standards
4.1 Datenformate
Die SIA 2051 empfiehlt offene, herstellerneutrale Datenformate:
• IFC (Industry Foundation Classes, ISO 16739): Primärformat für den Modellaustausch
• BCF (BIM Collaboration Format): Kommunikation von Modellkommentaren
• COBie (Construction Operations Building Information Exchange): Übergabe von FM-Daten
• PDF/A: Archivierung von Dokumenten
4.2 Gemeinsame Datenumgebung (GDE)
Die Gemeinsame Datenumgebung (GDE, engl. CDE – Common Data Environment) ist das zentrale Herzstück der BIM-Kollaboration. Sie strukturiert Informationen in vier Statuszonen:
• Work in Progress (WIP): Daten in Bearbeitung, nur für Autor sichtbar
• Shared: Freigegebene Daten zur Nutzung durch andere Projektbeteiligte
• Published: Offiziell publizierte, geprüfte Daten
• Archive: Archivierte, unveränderliche Versionsstände
4.3 Modellqualität und LOD/LOI
Für die Modellqualität definiert die SIA 2051 in Anlehnung an internationale Standards:
• LOD (Level of Development / Level of Detail): Geometrische Detaillierung des Modells
• LOI (Level of Information): Semantische Informationsdichte (Attribute, Parameter)
• LOIN (Level of Information Need): Von der Norm SIA 2051 und ISO 19650 verwendeter Oberbegriff
Die LOD-Skala reicht von LOD 100 (konzeptionell) bis LOD 500 (as-built, betriebsbereit).
5. Umsetzung in der Schweizer Praxis
5.1 Öffentliche Bauherren
Seit 2019 verlangen mehrere öffentliche Bauherren in der Schweiz BIM-konformes Vorgehen bei grossen Infrastrukturprojekten:
• SBB (Schweizerische Bundesbahnen): BIM-Pflicht für Grossprojekte ab 2020
• Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL): BIM-Pilotprojekte seit 2018
• ASTRA (Bundesamt für Strassen): BIM-Roadmap für Strasseninfrastruktur
• Kantone Zürich, Bern, Basel-Stadt: Eigene BIM-Leitfäden und Anforderungsprofile
5.2 buildingSMART Switzerland
buildingSMART Switzerland (bSS) ist die nationale Partnerorganisation von buildingSMART International und treibt gemeinsam mit dem SIA die Implementierung der offenen BIM-Standards voran. Die Organisation:
• Koordiniert Pilotprojekte und Erfahrungsaustausch
• Entwickelt Schulungsangebote und Zertifizierungen
• Vertritt die Schweiz in internationalen Normungsgremien
5.3 Ausbildung und Zertifizierung
Mehrere Hochschulen und Berufsverbände bieten BIM-Ausbildungen an:
• ETH Zürich / EPF Lausanne: BIM-Module in Architektur und Bauingenieurwesen
• Fachhochschulen (FHNW, BFH, HSR/OST): Weiterbildungslehrgänge CAS/MAS BIM
• buildingSMART: Internationales BIM-Zertifikat (Professional)
• SIA: BIM-Einführungskurse und Praxisseminare
6. Abgrenzung zu verwandten Normen und Standards
6.1 SIA 2051 und ISO 19650
Die ISO 19650 ist der übergeordnete internationale Standard für die Organisation von Informationen über den gesamten Lebenszyklus von Bauwerken. Die SIA 2051 ergänzt diesen um schweizspezifische Anforderungen, insbesondere:
• Abgleich mit dem SIA-Phasenmodell (SIA 102/103/108)
• Anpassung an das schweizerische Planungs- und Baurecht
• Integration von KBOB-Empfehlungen für öffentliche Auftraggeber
6.2 SIA 2051 und BIM Deutschland/Österreich
Im DACH-Raum existieren parallele nationale BIM-Standards:
• Deutschland: ÖNORM A 6241 (Österreich), VDI 2552 (Deutschland)
• Österreich: ÖNORM A 6241-1/2, nationaler BIM-Stufenplan
• Trotz unterschiedlicher Normennummern sind die methodischen Grundlagen weitgehend harmonisiert
7. Kritik und Diskussion
Die SIA 2051 wird in der Fachwelt überwiegend positiv bewertet, sieht sich jedoch auch mit konstruktiver Kritik konfrontiert:
7.1 Stärken
• Klare, methodenneutrale Sprache — nicht an bestimmte Software gebunden
• Gute Integration in das bestehende SIA-Regelwerk
• Starke Orientierung an offenen Standards (IFC, openBIM)
• Praxisnah durch Mitwirkung erfahrener Planungsbüros
7.2 Kritikpunkte
• Tempo der Normenrevision: Angesichts rasanter technologischer Entwicklung (KI, Digitaler Zwilling) gilt eine Aktualisierung der Norm als überfällig
• Komplexität: Kleine und mittlere Planungsbüros empfinden den Einstieg als aufwändig
• Fehlende Verbindlichkeit: Keine gesetzliche Pflicht zur BIM-Anwendung ausserhalb öffentlicher Auftraggeber
• Lücken im Bereich KI und automatisierter Modellprüfung
8. Ausblick und Weiterentwicklung
Der SIA prüft eine Revision der Norm 2051, um aktuelle Entwicklungen zu integrieren:
• Digitaler Zwilling (Digital Twin): Kontinuierlich aktualisiertes, betriebsbegleitendes Modell
• Künstliche Intelligenz im BIM: Automatisierte Regelprüfung, generatives Design, KI-gestützte Kollisionserkennung
• Cloud-native BIM-Plattformen und SaaS-basierte GDE-Lösungen
• Circular BIM: Modellierung für Kreislaufwirtschaft und Rückbauplanung
• GIS–BIM-Integration: Verknüpfung von Gebäude- und Stadtmodellen (CityGML, IFC-City)
Die Revision soll voraussichtlich bis 2026 abgeschlossen sein und enger mit der ISO 19650:2023 harmonisiert werden.
9. Siehe auch
• SIA 102 — Ordnung für Leistungen und Honorare der Architektinnen und Architekten
• SIA 103 / SIA 108 — Ordnungen für Ingenieure und Haustechnikplaner
• ISO 19650-1 / ISO 19650-2 — Organisation von Informationen über Bauwerke
• IFC-Standard (ISO 16739) — Industry Foundation Classes
• buildingSMART International
• KBOB — Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren
• openBIM
• Digitaler Zwilling (Digital Twin)
10. Quellen und weiterführende Literatur
Normen
• SIA 2051:2017 — Building Information Modelling (BIM). Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich
• ISO 19650-1:2018 — Organisation and digitization of information about buildings and civil engineering works, including building information modelling (BIM)
• ISO 16739-1:2018 — Industry Foundation Classes (IFC) for data sharing in the construction and facility management industries
Fachliteratur
• Borrmann, A. et al. (Hrsg.): Building Information Modeling — Technologische Grundlagen und industrielle Praxis. Springer Vieweg, 2. Aufl. 2021
• Egger, M. et al.: BIM-Leitfaden für Deutschland. Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, 2015
• buildingSMART Switzerland: BIM Anwenderleitfaden Schweiz. Ausgabe 2022
Weblinks
• sia.ch — Offizielle Website des SIA
• buildingsmart.ch — buildingSMART Switzerland
• bim.digicosuite.com — BIM-Plattform Schweiz
Kategorien:
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